Prozess- und Anlagenmodellierung 4.0

Digitale Zwillinge können dazu beitragen, das Potenzial einer Anlage besser zu erschließen. Dabei gilt wie bei jeder Simulation, dass ein geeignetes Modell vorhanden sein muss, das die Eigenschaften und Komponenten in mathematischen Gleichungen abbildet. Je genauer das Modell seinem realen Abbild entspricht, umso exaktere Simulationsergebnisse können erzielt werden. Hierbei muss allerdings auch der Aufwand zum Nutzen in Relation gestellt werden. Ist z. B. ein 3D-Modell der Anlage notwendig, wenn mit dem digitalen Zwilling nur die Betriebsdaten überwacht werden sollen? [Pfeiffer, B.-M. et al. (2020)]

Die Zielsetzung definiert die Eigenschaften und Fähigkeiten, die der digitale Zwilling besitzen sollte und bestimmt auch, auf welche Daten dieser zurückgreifen können muss. Der digitale Zwilling kann allerdings nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr stellt er einen Zusammenschluss vieler digitaler Zwillinge dar. So können für die Anlage, das Produkt selbst oder auch den Produktionsablauf einzelne digitale Abbilder existieren, die getrennt als digitale Zwillinge bezeichnet werden können. Die Berührungspunkte dieser Zwillinge müssen definiert und die Systeme so ausgelegt werden, dass ein Datentransfer möglich ist. Zudem muss die Hierarchie der Systeme zueinander festgesetzt werden. Die Simulationen können auch dafür genutzt werden, um Daten zu sammeln, die bspw. aufgrund von fehlenden physikalischen Sensoren nicht verfügbar wären, um so die Prozesssicherheit zu erhöhen. [Pfeiffer, B.-M. et al. (2020)]

Für die Erstellung eines solchen digitalen Zwillings müssen zunächst die dafür notwendigen Informationen gesammelt werden. Diese fließen anschließend in ein Verfahrensfließbild ein, das als Grundlage für das Anlagenplanungstool dient. Hier werden die für einen sicheren und effizienten Anlagenbetrieb notwendigen Aktoren und Messsensoren für relevante Betriebsparameter festgelegt. [Pfeiffer, B.-M. et al. (2020)]

Einheitliche Datengrundlage

Wichtig für die Erstellung eines digitalen Anlagenabbilds ist eine einheitliche Datengrundlage. Diese verhindert Übertragungsfehler und Nachfragen, welche ansonsten viel Zeit und Energie kosten. Zudem würde die standortübergreifende Korrektur von Daten eine Menge Zeit in Anspruch nehmen, sofern der Fehler noch vor einem Stillstand der Anlage entdeckt würde. Des Weiteren muss ein Ort geschaffen werden, an dem die Daten zur Verfügung gestellt werden können. Hierfür eignen sich Cloudlösungen am besten, denn die Erfassung der Daten in der Cloud kann erst einmal unabhängig von den Aktivitäten der Kooperationspartnerinnen und -partner erfolgen. Die cloudbasierte Datenerfassung muss dabei so aufbereitet sein, dass die genutzten Softwaresysteme die Daten auch verarbeiten können. Zudem müssen die notwendigen Informationen vollständig vorliegen. Das kann für einzelne Unternehmen bedeuten, dass Anlagendokumente zunächst digital erfasst werden müssen. Dieser vorgelagerte Prozess kann jedoch auch als Chance zur Erhöhung des eigenen digitalen Reifegrads verstanden werden. Je mehr Daten digital ausgetauscht werden können, umso weniger physische Treffen zur Absprache der Vorgehensweise sind notwendig. Das Auswechseln der Daten sollte dabei schrittweise umgesetzt werden. So können im ersten Schritt die Betriebsdaten ausgetauscht werden, um anschließend um die Wartung, Dokumentation, Planung etc. erweitert zu werden. [Kouwer, H. und Gracés, E. (2018)]

Soft-Sensoren

Ein weiteres Einsatzgebiet von Simulationen ist ihre Verwendung als Soft-Sensoren. Hierbei handelt es sich um Simulationen, die die Eigenschaften von Hard-Sensoren, also physischen Sensoren, nachahmen. Da physische Sensoren nicht überall verfügbar sind bzw. nicht an jedem Ort eingesetzt werden können (z. B. wenn die Umgebungstemperaturen zu hoch sind), ist es insolchen Fällen möglich, auf ihre Simulationen zurückzugreifen. Die Simulationstools werden mit den Eingangs- und Ausgangsdaten des aktuellen wie auch vergangenen Prozesses versorgt. Das Tool errechnet anschließend, welches Ergebnis ein Sensor im laufenden Prozess liefern würde, und gibt dieses zurück. Auf diese Weise wird die Prozesssicherheit insbesondere für solche Bereiche erhöht, die bisher weniger gut überprüfbar waren und  unter Rückgriff auf Erfahrungswissen gesteuert wurden. So lässt sich schließlich ein verbessertes Prozessverständnis erreichen, das als Grundlage für Steuerung und Verbesserung dienen und so Energie und Material einsparen kann. [Pfeiffer, B.-M. et al. (2020)]


Literatur:

Kouwer, H. und Gracés, E. (2018): Chemie 4.0: digitale Transformation der Engineering-Prozesse [online]. Chemietechnik, 14.05.2018 [abgerufen am: 01.02.2021].

Pfeiffer, B.-M.; Bozek, E.; Oppelt, M. und Kempf, J. (2020): Digitale Zwillinge und Prozessmodellierung – wie Sie davon profitieren können [online]. PROCESS, 15.01.2020 [abgerufen am: 27.11.2020].

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Einschätzung für die Anwendenden

  • Materialeinsparung
    hoch
  • Energieeinsparung
    hoch
  • THG-Einsparung
    hoch
  • Investitionskosten
    mittel
  • Umsetzungsaufwand
    gering

Die Angaben zu Material-, Energie- und THG-Einsparungen, Investitionskosten sowie Umsetzungsaufwände sind qualitative Abschätzungen auf vergleichender Basis.

Entwicklungsstadium

  • Labor
  • Technikum / Demonstrator
  • Industrielle Praxis

Labor: Die betrachtete Technologie oder Methodik wird im Labormaßstab entwickelt.
Technikum / Demonstrator: Die betrachtete Technologie oder Methodik wird in einer Technikums- oder Demonstrator-Anlage umgesetzt.
Industrielle Praxis: Die betrachtete Technologie oder Methodik wird in der Produktion oder anderen Anwendungsbereichen eines Industrieunternehmen eingesetzt.

Beispiele aus der Forschung und Entwicklung

Modellierung und Simulation von Vollmantel-Zentrifugen als ein Aspekt der voranschreitenden Digitalisierung in der Fest-flüssig-Trennung


  • Entwicklung dynamischer Prozessmodelle (Anwendungsbeispiel: Vollmantelzentrifugen
  • Entwicklung von numerischen Methoden und Short-cut-Modellen, um die Anlagen zur Fest-flüssig-Trennung besser verstehen zu können und somit effizienter auszulegen
  • Verwendung von Strömungssimulationen, um geeignete Short-cut-Modelle zu identifizieren
  • Weitere Forschung muss betrieben und neue Fragestellungen müssen bearbeitet werden

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KEEN: KI-Inkubator-Labore in der Prozessindustrie

  • Steigerung der Effizienz von Engineering- und Produktionsaktivitäten durch den Einsatz von KI in der Prozessindustrie
  • Erstellung einer Technologieroadmap für eine erfolgreiche Einführung der Digitalisierung und KI in der Prozessindustrie
  • Entwicklung einer gemeinsamen Datenbasis mit standardisierten Prozessen und Beschreibungen, um Übertragbarkeit von KI auf andere Anlagen zu erleichtern
  • Recommender-Systeme hinsichtlich einer KI-basierten Vorhersage für bisher unbekannte thermodynamische Eigenschaften von Stoffgemischen
  • Ermittlung des Betriebsfensters von chemischen Produktionsprozessen durch KI
  • Feststellung von Zusammenhängen aus Prozessdaten und daraus folgend Informationsgewinnung über Produkteigenschaften und Prozesszustand durch KI
  • Unterstützung von Anlagenplanungs- und Projektmanagementprozessen mittels KI-unterstützter kontinuierlicher Analysen
  • Optimierung von komplexen Anlagen durch Machine Learning und ein KI-basiertes Beratungssystem

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Beispiele aus der Praxis

Anlagenplanung mittels Prozesssimulation

Digitale Abbilder von Anlagen sollen nun auch bei der Simulation einzelner Prozesse eingesetzt werden. Das dient vor allem der Auslegung der Anlagen und Komponenten und ermöglicht eine detaillierte Prozesssimulation über den gesamten Lebenszyklus mit Hilfe eines Verfahrensfließbildes.

Dieser Digital Process Twin kann in die Anlagenplanung einfließen und bildet so im Anlagenplanungstool den Grundbaustein des Digital Plant Twin. Nach der weiteren Anreicherung der Programme mit Informationen und deren Weitergabe an ein Prozessleitsystem kann die Automatisierungssoftware virtuell in Betrieb genommen werden.

Diese virtuelle Inbetriebnahme ist insofern sinnvoll, da die zu implementierenden Steuerungen für jede Anlage spezifisch sind und auf diese Weise eine ausführlich getestete und optimierte Automatisierung erfolgen kann. Dieses vorgelagerte digitale Testverfahren ermöglicht es unter anderem, aufwendige und mit Ressourceneinsatz verbundene reale Tests zu vermeiden und in weiterer Konsequenz Material und Energie zu sparen.

Speicherung der Anlageninformation über den gesamten Produktlebenszyklus

Um den Herausforderungen der Industrie 4.0 entgegenzutreten, hat ein großer Chemiekonzern seine Produktions- und Engineering-Prozesse digitalisiert. Zur Umsetzung dieses Ziels wurde der Ansatz einer einheitlichen digitalen Plattform gewählt, auf der alle Anlageninformationen über den gesamten Lebenszyklus zusammengetragen und verwaltet werden. Es wurde zunächst eine digitale Umgebung anhand von Informationsmanagementlösungen von Hexagon PPM aufgesetzt, auf der anschließend sämtliche Anlageninformationen wie Bestandsdaten oder Dokumentationen abgespeichert wurden. Auf diese Plattform kann das gesamte Betriebspersonal zugreifen, wodurch jede Abteilung immer mit den für sie wichtigen Informationen der Anlage versorgt werden kann. Das unterstützt nicht nur die Betriebs- und Instandhaltungsprozesse der Anlage, sondern stellt auch eine effiziente Funktionsweise sicher.

Mit dieser Lösung kann der effiziente Betrieb der Anlage über den gesamten Lebenszyklus verbessert werden, da die Zusammenarbeit zwischen den Produktions-, Engineerings- und Instand-haltungsabteilungen optimiert wurde. So können Ressourcen und Zeit in der Bearbeitung eingespart werden, da Fehlerquellen durch mangelnde Absprachen reduziert werden.

Weitere Technologien

Anlagenplanung 4.0

Prozess- und Anlagenmodellierung 4.0

Virtuelle Inbetriebnahme