Ausgangslage analysieren
Ausgangslage analysieren
Bedeutung der strategischen Einordnung
Bevor finanzielle Aspekte betrachtet werden, ist eine strategische Einordnung des Vorhabens erforderlich. Ziel ist es, die geplanten Maßnahmen so einzuordnen, dass mögliche Auswirkungen auf Geschäftsmodell, Wertschöpfung und Finanzierung grundsätzlich verstanden werden. Im Kern geht es dabei um eine erste Orientierung entlang zentraler Fragestellungen:
- In welche Richtung kann sich das bestehende Geschäftsmodell durch das Vorhaben verändern (z. B. Optimierung bestehender Strukturen vs. grundlegende Transformation)?
- Welche Anpassungen der Wertschöpfungs- und Erlöslogik sind grundsätzlich denkbar (z. B. weiterhin Verkauf oder stärker nutzungs- bzw. serviceorientierte Ansätze)?
- Welche Veränderungen können sich in Bezug auf die Rolle des Unternehmens innerhalb der Wertschöpfungskette ergeben (z. B. zusätzliche Rücknahme-, Service- oder Aufbereitungsaktivitäten)?
Diese erste Einordnung dient dazu, den möglichen Umfang und die Tragweite des Vorhabens abzuschätzen. Sie steht in engem Zusammenhang mit der anschließenden Analyse des bestehenden Geschäftsmodells, die wiederum die Grundlage für die Ableitung konkreter Maßnahmen bildet.
Analyse des bestehenden Geschäftsmodells
Ausgangspunkt für die Identifikation kreislaufwirtschaftlicher Potenziale bildet die Analyse des bestehenden Geschäftsmodells. Dabei gilt es, folgende Fragestellungen zu betrachten:
- Wie werden Produkte derzeit entwickelt, produziert und vertrieben?
- Welche Materialien werden eingesetzt und wie beschafft?
- Was passiert mit Produkten am Ende ihrer Nutzungsphase?
- Welche Kosten entstehen entlang des gesamten Lebenszyklus?
Diese Analyse dient dazu, Ansatzpunkte für kreislaufwirtschaftliche Optimierungen im bestehenden Geschäftsmodell zu identifizieren. Gängige Ansatzpunkte sind unter anderem:* Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) (2025): Kreislaufwirtschaft als Zukunftsstrategie.
- ineffiziente Ressourcennutzung,
- hohe Abhängigkeit von Primärrohstoffen und instabilen Märkten,
- fehlende Rückführungsstrukturen sowie
- kurze Produktlebenszyklen.
© VDI ZRELineare Wertschöpfungskette
© VDI ZREZirkuläre WertschöpfungsketteIdentifikation kreislaufwirtschaftlicher Potenziale
Die Identifikation kreislaufwirtschaftlicher Potenziale kann sich an den sogenannten R-Strategien der Kreislaufwirtschaft orientieren. Diese Strategien beschreiben unterschiedliche Ansätze zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs sowie zur Schließung von Stoffkreisläufen. Dabei lassen sich die Strategien entsprechend ihres Beitrags zur Kreislaufwirtschaft in drei Gruppen einteilen:* Pruhs, A. et al. (2024): Design for circularity in manufacturing industries–operationalisation and decision support. Resources, Conservation and Recycling, Vol. 202.
- R0–R2 (Refuse, Rethink, Reduce): Vermeidung von Ressourcenverbrauch durch veränderte Produktgestaltung, Geschäftsmodelle und Nutzungsformen. Diese Strategien setzen bereits am Beginn des Produktlebenszyklus an.
- R3–R7 (Reuse, Repair, Refurbish, Remanufacture, Repurpose): Verlängerung der Produkt- und Komponentenlebensdauer durch Wiederverwendung, Reparatur oder Aufarbeitung.
R8–R9 (Recycle, Recover): Rückführung von Materialien beziehungsweise Reststoffen in den Wirtschaftskreislauf, wenn eine weitere Nutzung des Produkts oder seiner Komponenten nicht mehr möglich ist.
© Eigene Darstellung auf Basis von Potting et al. (2017), S. 5Die R-Strategien und ihr Zusammenwirken innerhalb eines zirkulären Wirtschaftsansatzes
- R0: Refuse
Vermeidung nicht notwendiger Produkte, Materialien oder Prozesse, indem ressourcenintensive oder nicht kreislauffähige Lösungen bewusst ausgeschlossen oder durch nachhaltig(er)e Alternativen ersetzt werden. - R1: Rethink
Grundlegende Überprüfung bestehender Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsstrukturen. Dabei wird beispielsweise hinterfragt, ob anstelle des klassischen Produktverkaufs service- oder nutzungsorientierte Geschäftsmodelle (z. B. Product-as-a-Service, Leasing oder Sharing) wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sind oder ob Produkte durch eine veränderte Gestaltung effizienter genutzt werden können. - R2: Reduce
Verringerung des Material- und Ressourcenverbrauchs, beispielsweise durch effizientere Produktionsprozesse oder materialreduziertes Produktdesign. - R3: Reuse
Wiederverwendung von Produkten oder Komponenten ohne wesentliche Weiterverarbeitung. - R4: Repair
Reparatur defekter Produkte zur Verlängerung der Nutzungsdauer. - R5: Refurbish
Aufarbeitung und Modernisierung gebrauchter Produkte, um deren weitere Nutzung zu ermöglichen. - R6: Remanufacture
Industrielle Wiederaufbereitung von Produkten oder Komponenten unter Nutzung gebrauchter Bauteile. - R7: Repurpose
Nutzung von Produkten oder Komponenten für einen anderen Zweck als ursprünglich vorgesehen, um ihre Lebensdauer zu verlängern und zusätzliche Wertschöpfung zu ermöglichen. - R8: Recycle
Rückführung von Materialien in den Produktionskreislauf zur Herstellung neuer Produkte. - R9: Recover
Verwertung von Abfällen oder Reststoffen, sodass diese anstelle anderer Materialien oder Energieträger genutzt werden können.
Einzelne Maßnahmen können unabhängig voneinander umgesetzt werden. Es empfiehlt sich jedoch, diese im Zusammenhang zu betrachten, da wirtschaftliche Vorteile, stabile Materialflüsse und ein überzeugendes Finanzierungskonzept häufig erst durch das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen entstehen.
Festlegung des Zielbilds
Am Ende dieses Schritts sollte ein klares Zielbild stehen:
- Welche konkrete Lösung wird umgesetzt?
- Welche Prozesse werden verändert?
- Welche neuen Wertschöpfungsmechanismen entstehen?
Dieses Zielbild bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte und muss sowohl intern als auch gegenüber externen Stakeholdern nachvollziehbar dargestellt sein.